Kolumne: Leben und leben lassen

Kolumne: Leben und leben lassen

15. Februar 2019 3 Von nicoleinez

Eigentlich wollte ich einen anderen Beitrag schreiben, doch dann kam es anders, als ich nicht dachte. (Ja, das sollte witzig sein, wenn du nicht gelacht hast, ist es auch okay. Dann haben wir entweder einen unterschiedlichen Humor, oder du hast den Witz nicht verstanden).  Zurück zum Thema: Ich hatte die letzen Wochen viele Gespräche (Diskussionen mag ich nicht, dazu bin ich zu zart besaitet) zu einigen Themen, die mein Leben betreffen. Für mich hat sich sehr schnell herauskristallisiert, dass gelebte Toleranz in unserer Gesellschaft eher ein Fremdwort ist. Viele Menschen glauben zwar, sie seien es, doch das stimmt meiner Meinung nach oft nicht.

Toleranz als gesellschaftliche Norm

Ich beobachte oft, dass Leute von sich entweder behaupten, sie seien sehr tolerant, es aber irgendwie an der Umsetzung scheitert. Dann gibt es Personen, die ganz offen zu ihrer kompletten Intoleranz stehen und gar nicht wissen, wie man das Wort überhaupt buchstabiert. Meist verwechseln sie es mit Ignoranz. Und dann wiederum gibt es Menschen, die sich so tolerant für eine Sache einsetzen, dass sie gar nicht merken, wie intolerant sie dadurch eigentlich anderen begegnen. Das gilt vor allem für politisch extrem Eingestellte in beide Richtungen.

Es ist jedoch sehr angesehen, wenn man sich nach Außen als weltoffen und offen gibt. Die Tatsache, dass man aber zum Beispiel als Vegetarier, der andere verurteilt, weil sie Fleisch essen, intolerant ist, bedenkt man selten. Gleiches gilt auch für Menschen, die keine Personen tolerieren, die politisch eine andere Meinung vertreten. Um Gottes Willen, ich ergreife gerade keine Partei für irgendeine Partei. Ich will nur festhalten, dass man sich selbst nicht als offen und tolerant bezeichnen kann, wenn man ganze Menschengruppen verachtet, egal weshalb.

Erfahrungen mit leben und leben lassen

Ich behaupte, dass ich ein sehr toleranter Mensch bin, selbst wenn ich bestimmte Meinungen vertrete und auch einen Lebensstil verfolge, den mir niemand ausreden kann. In meinem Fall bin ich seit bald zehn Jahren Vegetarierin. Und ich korrigiere mich: Pescetarierin (mir ist es ja im Prinzip komplett egal, ich wurde nur ein Mal darauf hingewiesen, weil ich ja gelegentlich Fisch esse). Hier fängt das eigentlich Übel für mich schon an: Wir wollen und müssen alles benennen und kategorisieren. Nun gut, das wäre ja nicht das Schlimmste an der Sache.

Wer mich kennt, der weiß, dass es eigentlich niemanden in seinem Leben einschränkt, dass ich auf Fleisch verzichte. Ich kaufe mir mein Essen selbst, bereite es zu und verspeise es. Ganz gleich, wie jemand, der Fleisch isst. Doch kann ich nicht mehr abzählen, wie oft mir schon ein Buch voller dummer Kommentare entgegengeflogen ist, nur weil ich einfach ALLES, außer Fleisch esse. Ich weiß, viele Menschen denken einfach und ich bin mir auch bewusst, dass viele Vegetarier nicht das Prinzip leben und leben lassen verfolgen. Sie wollen andere bekehren und verurteilen diese. Danke an dieser Stelle. Leute wie ich können das dann ausbaden.

Abgesehen davon, wissen manche Leute nicht, dass vegetarisch nicht vegan bedeutet und dass man mir nichts Spezielles kochen muss, wenn ich auf Besuch bin. Ich schwör‘, Alter, ich ess‘ fix alles, außer Fleisch, Brudi. I am not an alien. Also, warum denn all die endlos unnötigen Diskussionen und Vorurteile? Noch nie wäre mir in den Sinn gekommen, jemanden zu verurteilen, weil er isst, was er ist. Außer, die Person isst mein Essen. Vor allem aus meinem Kühlschrankfach. Kommt aber nun nicht sooo oft vor.

Leben und leben lassen im Alltag

Ein weiteres Thema, das mich betrifft, ist die Tatsache, dass ich mich darüber ärgere, wenn es Beziehungen gibt, die ihre Rollenverteilung nicht so handeln, dass es dem Feminismus entspricht. Es ist für mich okay, wenn Leute in ihrer Partnerschaft so leben, wie sie es beide für richtig halten. Leben und leben lassen: Jeder soll glücklich sein und das ist für mich Toleranz genug. Wenn ich es vorziehen würde, dass ich den ganzen Tag das Haus putze und mein Mann Geld verdient, dann sollte das auch kein Problem darstellen oder verurteilt werden.

Andersrum: Wenn mein Mann lieber zuhause sein würde und möchte, dass ich arbeiten gehe, wäre das auch okay, wenn wir glücklich sind damit. Manche Leute würden aber sicher in beiden genannten Beispielen das Haar in der Suppe finden und sagen: Das ist doch ein Wahnsinn. Entweder: Die Frau wird zuhause als Dummchen missbraucht oder die Frau muss arbeiten, während der Mann es sich zuhause bequem macht.

Ich finde, es geht niemanden etwas an, wie jemand seine Beziehungen lebt. Es geht auch niemanden etwas an, ob es sich um homo- oder heterosexuelle Paare handelt. Doch in unserer Gesellschaft gibt es so viele extreme Ansichten, die sich dennoch als tolerant verkaufen wollen. Man kommt eh gut damit durch, aber ich hinterfrage das und das sollten betreffende Gruppen auch tun.

Ein weiterer Punkt sind Vorurteile bestimmten Ausbildungen gegenüber. Ich sage, wie es ist: In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es Leute aus den verschiedensten Richtungen. Von Menschen ohne Matura, bis hin zu Doktoren und ich erkenne keinen Unterschiede, weil ich Menschen und keine Ausbildungen sehe. Im Gegenzug kann ich mir diese Offenheit aber von Fremden selten erwarten.

Wenn ich erwähne, dass ich einen Abschluss in Psychologie habe, kommen eine Reihe dummer Aussagen. „Oh, da muss ich jetzt aufpassen, was ich sage.“ „Ui, da wirst du mich jetzt sicher analysieren.“ „Na, was hast du denn für einen Schaden, weil du es studiert hast.“ Und das sind nur die gängigsten. Da frage ich mich: Was ist daran tolerant und warum eigentlich? Ich gehe doch auch nicht zu einem Chirurgen und sage: „Uh, jetzt muss ich aufpassen, dass du mich nicht sezierst.“ Oder bei einem Gärtner: „Oh, du pflanzt mich jetzt sicher“ (Anm.: Pflanzen ist ein umgangsprachlicher Ausdruck für necken).

Ich kann es nicht auf genug erwähnen und ich bin es leid, mich zu verteidigen. Man kann Psychologie auch studieren, weil es einen interessiert. Und weil man darüber schreiben möchte. Es ist selten ein Mensch so interessant, dass man ihn analysieren wollen würde. Außerdem fehlt einem normalen Menschen die Zeit dazu. Außer, dass es intolerant ist, jemanden nicht einfach so zu lassen, wie er ist, finde ich solche Verurteilungen doof! Was mich mein Studium gelehrt hat (und darauf bin ich sehr stolz) ist: Jeder Mensch hat seine Gründe für sein Verhalten. Das bedeutet nicht, dass ich jedes gut heiße. Es heißt nur, dass ich weiß, dass meine Art zu denken und zu handeln nicht gottesähnlich und das einzig Richtige ist.

Ich bin ein großer Fan von leben und leben lassen. Es ist für mich sehr interessant, warum Menschen sind wie sie sind, doch ich lasse sie auch so sein. Jeder soll das Beste aus seinem Leben machen, es tut der Menschheit gut. Und wenn man in seinem eigenen Dreck stiert, hat man eigentlich kaum Zeit dafür, bei anderen zu schauen. Außerdem: Wer überzeugt ist, das richtige zu tun, muss andere nicht bekehren.

In diesem Sinne wünsche ich dir einen schönen Tag, der hoffentlich Teil eines erfüllten Leben ist! Sag mir doch in den Kommentaren, wie du zu dem Thema stehst.


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