Kolumne: Bin ich jetzt erwachsen?

Kolumne: Bin ich jetzt erwachsen?

21. Oktober 2015 16 Von nicoleinez

Es fällt mir ein wenig viel schwer, diesen Beitrag zu verfassen. Er ist für mich wie „der Wahrheit ins Auge“ zu sehen, vor der man lieber davonlaufen würde. Ich zumindest. Denn wer verabschiedet sich schon gerne von der Jugend, um nun erwachsen zu sein (obwohl er das eigentlich sowieso schon längst ist).

Selbst wenn die Jugend eine Zeit der Unsicherheit, pausenloser Selbstfindung, Exzesse, Fettnäpfchen-Springen und Rebellion gegen alles und für nichts war, vermisse ich sie. Oft in mir selbst, im Außen, in allem. Doch meine Ziele, mein Alltag und mein Wunsch „normal“ zu sein und mit Freunden und Bekannten einigermaßen „gleich auf“ zu sein, trägt mich weiter: Schritt für Schritt ins Erwachsen sein.

Und auch, wenn ich keine Freunde und/oder Bekannte hätte: In mir selbst ist etwas anders. In mir hat sich etwas verändert. Da ist nicht mehr diese permanente Rebellion, da ist kein Jugendlicher Wahnsinn mehr. Der Wunsch nach durchzechten Nächten, hat sich gegen den vollen Terminplan am nächsten Tag ersetzt. Die sorglose Wahlfreiheit bei den Männern, wurde durch eigene Kriterien (mit Zukunftsplanung) ersetzt. Der geregelte Alltag mit seinen begrenzten Spielräumen verdrängt die „Ach-das-mach-ich-morgen Philosophie“.

Es ist das Gefühl in mir, das jüngeren Leuten ein Vorbild sein möchte, fernab der „coolen Tante“, die den Absprung vom Boot der Jugend nie geschafft hat. Ich möchte Verantwortung übernehmen: Für mich, mein Leben und für andere. Möchte nicht mehr verstehen, wie sich ein 18-jähriger fühlt, nur weil ich selbst in der gleichen Situation bin. Ich möchte meinem Alter entsprechen.

Ich habe beruflich viel mit jüngeren Leuten zu tun und merke immer mehr, dass nur 5 Jahre Altersunterschied (nach unten) extrem viel ausmachen können.

Wie merkt man also, dass man erwachsen ist?

  • Du rufst nicht bei jedem dritten Problem Papa und bei jedem zweiten Mama an. Du regelst dein Leben selbst.
  • Bist finanziell unabhängig (theoretisch)
  • Du hast kaum Zeit, einfach Mal eine Nacht durchzumachen. Da du entweder arbeitest, Kinder hast, oder am nächsten Tag arbeiten musst.
  • Für Spontanität hast du nicht mehr viel Zeit, oder die anderen nicht. Oder du hast einfach keine Lust, spontan zu sein, da du sowieso immer viel um die Ohren hast.
  • Du denkst dir, wenn du Mal abends weggehst und Jugendliche siehst: „Kind, zieh dir doch bitte etwas an.“ „Kind, trink nicht so viel.“ „Kind, der ist nicht gut für dich.“ „Kind, man rennt nur der Straßenbahn hinterher, aber keinem Mann….“ „Kind…“
  • Du fühlst dich in deiner Lebenserfahrung gekränkt, wenn dir ein 15 bis 18-jähriges Individuum, das noch bei Mutters lebt, dir die Welt erklärt und alles besser weiß.
  • Du verwendest Sprüche wie: „Also diese jungen Leute sind wirklich respektlos. Ich hätte mir das damals nicht getraut.“ (Ich denke dieser Effekt wird von Generation zu Generation vererbt).
  • Probleme wie: 1. Was ziehe ich an beim weggehen? 2. Wird er mich heute beachten? 3.Wo gehen wir denn hin? 4. Ist denn dort schon was los um die Zeit?… beantwortest du wie folgt: 1. Etwas, das die Nieren wärmt, die Füße wärmt und bequem ist. 2. Wen meinst du bitte? 3. Ich bleibe zuhause, lese ein Buch, koche mit Freunden oder schreibe. 4. Ich gehe spätestens um 24 Uhr heim, ich muss morgen arbeiten.
  • Rechnungen sind ein eindeutiges Indiz für’s Erwachsen sein. Umso älter, desto mehr Rechnungen scheint es zu geben.
  • Du hast konkrete Vorstellungen in jedem Bereich: Wohnen, Beziehung, Freundschaft, Hobbies, Freizeit, Wertesystem, Weltsicht… Und kannst fast nur noch in deinem „Bereich“ die Fühler ausstrecken.
  • Deine beruflichen Optionen beschränken sich (vor allem mit konkreter Ausbildung) auf ein bestimmtes Feld und du kannst nicht mehr „alles“ machen.
  • Du ziehst in Erwägung, Kochrezepte auszutauschen.
  • Weißt, welche Schwächen und Stärken du hast und stehst dazu mehr als in deiner Jugend. Du lebst damit und andere müssen das auch (oder nicht.)

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich froh bin, viele Dinge nicht mehr haben zu müssen bzw. das Verlangen danach zu haben. Ich bin froh, die hohen Höhen und tiefen Tiefen der Selbstfindung hinter mir gelassen zu haben. Dass ich nicht mehr den starken Drang nach verrauchten, verschwitzten Lokalen mit 1 Quadratmeter Platz für 10 Euro habe. Dass ich jungen Menschen ein Vorbild sein kann, da ich mich nicht mehr in Konkurrenz mit ihnen sehe, da ich älter bin und erwachsen.

Bei all den Dingen, die Erwachsene so tun und sein (müssen), werde ich dennoch niemals vergessen, auch das Kind und die Rebellion in mir leben zu lassen. Sie werden es mir danken und die Welt auch! 🙂

Wen es interessiert, ich habe einen Text zu einem ähnlichen Thema geschrieben (dieser ist aber eher selbstironisch bis lustig) Ich würde ihn natürlich empfehlen (komisch, nicht?): Warum smellt es hier nicht mehr nach Teen Spirit?

Erwachsene Grüße (Sorry, es geht nicht anders)
Eure Nicole

 

© Nicole Inez