Prokrastination: Wie weit kann ein Mensch laufen?

Prokrastination: Wie weit kann ein Mensch laufen?

23. Juni 2015 2 Von nicoleinez

Diese Frage ist weder in sportliche Hinsicht gestellt, noch bezieht sie sich auf den Film Forrest Gump. Es ist auch nicht auf Ausdauersport-Themen angelegt. Ich meine etwas ganz Simples: Meine Unfähigkeit mich für den Semesterendspurt zu begeistern und meine Tendenz zur Prokrastination. Kurz gesagt: Ich finde einfach keine Ruhe, um mich wirklich stundenlang hinzusetzen und statistische Verfahren zuerst auswendig zu lernen, um sie dann zu berechnen (ich weiß, ich bin echt seltsam und langweilig, dass mir das so schwer fällt). Für diese Tatsache werde ich mich schämen, wenn ich mehr Zeit habe.

Die letzten Tage habe ich zwar schon mit lernen unzähliger Unterlagen verbracht, jedoch habe ich im Stundentakt den Ort gewechselt. Bin also von Lernort zu Lernort an der Uni geflüchtet, in der Hoffnung, dass es dort (ganz egal, wo dieser dort auch war) besser sein wird. Wahrscheinlich leide ich mittlerweile an Lernophobie oder an akuter seniler Skriptflucht – ich weiß es nicht. Oder einfach an akuter Prokrastination.

Auf jeden Fall habe ich mir allen ernstes erhofft, dass es bei einem Ortswechsel besser steht um meine Aufmerksamkeit. Oder dass mich der Stoff dann mehr interessiert, weil die Umgebung besser passt? Wirklich kaum nachvollziehbar, was das bringt. Aber vielleicht komme ich bis zum Ende meines Studiums noch drauf.

Wenn ich nicht außerhalb lernen kann, weil nur Cafés offen haben, dann missbrauche ich mein zuhause für Lernflucht-Zwecke. Ich habe schon alle Sessel meines Zuhauses benutzt, um zu lernen. All meine Unterlagen habe ich stapelweise von Ort zu Ort manövriert, um dann in grantigen Selbstgesprächen und Verfluchungen der Inhalte, einfach wahllos mit diversen Markern über die Zeilen zu streichen.

Es ist zwar jetzt bunt, aber ich sehe schwarz. So viele Formeln und so wenig ich darin. Hinzu kommt, dass mir in Ruhephasen wie dem Lernen viele Dinge auffallen, die mir sonst wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch nicht aufgefallen wären. Und meine Liebe zur Prokrastination unterstützt mich gut dabei.

Wenn ich lerne(n) (sollte), dann fallen mir die merkwürdigsten Dinge auf (Prokrastination on top):

1. Der Baum vor meinem Fenster war bei meinem Einzug noch nicht auf Fensterhöhe
2. Die Katze der Nachbarn, die mir vorhin begegnet ist, hat abgenommen (oder vielleicht Sommerfell, oder eine Krankheit? Diese und ähnliche Fragen kläre ich während dem Durchgehen des Lernstoffes)
3. Es riecht nach dem Essen von gestern in meinem Wohnbereich (War es ein Windhauch oder habe ich wieder wo was stehengelassen?)
4. Ist diese graue Erscheinung auf der Wand vor mir eine Spinnenwebe oder Teil meiner Netzhauttrübung? (Vielleicht sollte ich das mal abklären lassen)
5. Seit wann bin ich schon Vegetarierin? (Und warum bekehre ich nicht wahllos fremde Menschen mit dieser Tatsache?)
6. Was habe ich denn die letzten 30 Minuten getan und warum gehen diese Marker so schnell leer?
7. Meine Fingernägel müssen auf fremde Leute äußerst ungepflegt wirken. Oder nicht? Warum denke ich das?
8. Warum bekommt mein weißer Schreibtisch immer mehr braune Punkte?
Das ist nur ein kleiner Auszug aus meinen Gedanken, die ich beim Lernen habe. Also das ist die Zeit, in der ich nicht von Institut zu Institut laufe, um zu fliehen vor meinen Skripten (die ich eigentlich sowieso mit mir trage).

Verstatistischste Grüße,
Eure Nicole

 

©Nicole Inez