Kolumne: Warum diese Selbstdarstellung?

Kolumne: Warum diese Selbstdarstellung?

7. Juli 2016 27 Von nicoleinez

Selbstdarstellung ist nicht nur ein Wort. Es wird gelebt wie nie zuvor. Ronja’s Tochter kann seit gestern rülpsen und die ganze Welt darf via Facebook daran teilhaben. Sie bekommt dafür 23 Likes, aber auch nur deshalb, weil sie gestern den furzenden Frank bei seinen Sauf-Eskapaden mit einem „haha“ unterstützt hat. Liane ist seit gestern auf Urlaub und hat ihren Status sicherheitshalber für alle potenziell interessierten Einbrecher auf öffentlich gestellt. „Sind gerade auf Ibiza“ – glückselig mit Heinz-Werner. Etwas nachlässig nur, dass sie den Wohnungsplan nicht gleich mitgepostet hat.

Es ist nicht schwer zu erkennen, wovon ich rede. Jeder von uns hat mindestens 20 solcher Freunde, oder ist selbst so ein „Freund“. Einer, der permanent jeden Pups aus seinem Leben mit anderen teilen muss. Und Menschen mögen das scheinbar, denn sie tun es regelmäßig und zu Hauf. Alles, was gerade irgendwie in ihrem Leben passiert, preisgeben.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich meinen Narzissmus beim Bloggen und anderswo auslebe. Oder vielleicht hat es damit zu tun, dass ich eigentlich gar kein Leben habe und nie etwas unternehme. Aber: Meine Facebook-Pinnwand und mein Instagram-Account sind einfach fad und leer. Ich frage einfach nur gelegentlich meine „Freunde“, wenn ich irgendwas bestimmtes wissen will. Noch gelegentlicher als das, poste ich ein Lied, welches gerade meine Stimmung beschreibt.

Deshalb fühle ich mich manchmal echt komisch, wenn ich vor dem PC sitze und mir wieder angezeigt wird, dass Murli wieder mit ihren 10 FreundInnen Cocktails schlürft und zum 10. Mal im Jahr auf Urlaub ist – Stimmung „glückselig“. Ein klarer Fall von Selbstdarstellung. Ich gehe dann manchmal im Geiste meine letzten  Aktivitäten durch und merke, dass ich doch wohl auch ein sehr ausgefülltes Leben habe, mich aber ab und zu davon beeindrucken lasse, dass und was andere ständig alles von sich preisgeben.

Wenn ich Mal ein paar Stunden mit lieben Menschen habe, dann möchte ich nicht auch noch diese intimen  Momente mit Gott und der Welt (eigentlich ist es weniger Gott, sondern sind es viel mehr meine Facebook-Fakefreunde, unter denen auch ein paar echte sind) teilen. Die gehören dann mir und den Menschen, die ich liebe. Mich interessiert nicht, wer mit wem, wo, wann und was (oder was nicht) macht und ich möchte solche Details auch niemand anderem Preis geben.

Generell bin ich wahrscheinlich ein sehr eigenartiger Mensch, was die Nutzung von Mobiltelefonen, während dem Treffen mit anderen Personen angeht: Ich nehme mir einfach Zeit für mein Gegenüber und genieße die Aktivitäten und die Gespräche. Wenige Gedanken an meine eigene Selbstdarstellung. Nur kenne ich kaum mehr Leute, die da ähnlich sind. Jeder ist irgendwie ständig erreichbar. Wenn man gerade einen schönen Augenblick erlebt, muss man ihn „verspnapchatten“ oder „verinstagrammen“ und/oder „verhashtaggen“. Das ist mir zu blöd und zu stressig.

Nicht, dass ich nicht auch viel und sehr im Web 2.0 lebe. Natürlich tue ich das. Sonst könnte ich diesen Blog nicht führen, sonst könnte ich keine Leute damit erreichen, sonst könnte ich mit manchen Menschen keinen Kontakt mehr pflegen. Facebook ist meiner Meinung nach nämlich eine gute Möglichkeit, auch mit Leuten „für immer“ in Kontakt zu bleiben, die man eher als noch weniger als Bekannte sieht (versteht man, was ich damit meine? hmpf.). Außerdem kann man „stalken“ und „gestalkt“ werden, was das Leben in langweiligen Minuten doch um einige Infos reicher machen kann.

Was mir aber schleierhaft bleibt, ist der Erfolg und Nutzen von Instagram und Snapchat. Warum möchte man sehen, was wer wann wie und wo isst? Und mit wem?

Warum verschickt man Bilder, die sich nach 7 Sekunden wieder von selbst löschen? Und warum schickt man diese den ganzen Tag über verteilt über so viele Momente, anstatt sie einfach in Ruhe mit der Person zu genießen, die man damit in dem Moment eigentlich respektlos behandelt, indem man dem Handy Vorrang gibt. (Oh je, der Begriff Handy ist nicht richtig, ich spreche ja von Smartphones, Handys können das alles ja nicht. Sie können, was ein Telefon eigentlich können muss: Telefonieren und Kurznachrichten senden)

Woran kann es liegen, dass Menschen gerne ihr Leben mit allen teilen. Und selbst dann keine Ruhe geben, wenn sie eigentlich Ruhe hätten? Warum liebt unsere Gesellschaft nichts mehr als die Selbstdarstellung?

Meine Vermutungen für die Gründe

Vielleicht…..

liegt es daran, dass fast jeder von uns nur noch sehr wenig Zeit hat. Und in dieser kurzen Zeit, die er mit Freizeit verbringt gar nicht Freizeit haben will.

sind Smartphones mit einer Magie belegt, die sie so anziehend machen, dass man sie nicht mehr weglegen kann.

ist die gesamte Welt nur noch ein einziger Ort voller Narzissten und das Universum die Selbstdarstellung.

ist der sprachliche IQ für Face to face durch die immer stärker werdende Online-Kommunikation so sehr gesunken, dass die meisten Menschen einfach nicht mehr sprechen können, selbst wenn sie wollten.

sind viele Menschen und deren täglicher Klogang so wichtig, dass ich deren Wichtigkeit einfach noch nicht erfasst habe, weil ich einfach unverschämt bin.

habe ich einfach keinen Sinn dafür, was gerade in ist und sollte auch öfter alles posten, was ich gerade verdaut habe.

bin ich nur neidisch, weil ich keine Kinder habe, deren Identität ich (irrer Weise) im Internet preisgebe, sodass im schlimmsten Fall Perverse Menschen Unfug beitreiben könnten.

bin ich nur neidisch, weil ich mir nicht in jedem Moment meines Lebens allen zeigen muss, dass ich ein Leben habe.

habe ich keine Stimmungen, weil ich nicht permanent posten muss, wie es mir geht.

bin ich einfach nur zu alt und zu uncool und zu konservativ, um alles von diesem „neumodernen Zeug“ in mein Leben zu integrieren.

 

Eine weitere Erfindung, die ich nicht so ganz verstehe, habe ich hier erwähnt. Hier gibt es 10 Verwendungsmöglichkeiten für einen Selfie-Stick.

Text und Idee: Nicole Inez