Wie funktioniert eine Abhängigkeitsbeziehung?
„Ich kann ohne ihn nicht leben“. „Ich würde alles tun, damit sie mich nicht verlässt“. „Ohne dich kann ich nicht sein – mit dir bin ich auch allein.“ – Rammstein (aus „Ohne dich“). Was sich beim ersten lesen oder hören vielleicht als romantische Äußerung liest, kann auf den zweiten und kritischen Blick als ernst gemeinte Botschaft entpuppen. Und dann wäre das weniger lustig, wenn nicht sogar bedenklich. Schon Mal von einer Abhängigkeitsbeziehung gehört? Oder vielleicht schon selbst eine gehabt?
Was ist eine Abhängigkeitsbeziehung? Und wie äußert sich diese?
Als Erstes möchte ich gerne ein paar Bilder sprechen lassen, die euch fühl- und greifbar machen soll, wie man sich eine Beziehung dieser Art vorstellen kann:
Ein gemeinsamer Tanz in den Abgrund – Gemeinsam einsam – Zusammen und doch getrennt – Ich liebe es, dich zu hassen – Gemeinsam im sinkenden Lebensschiff untergehen, weil niemand davon abspringen kann…
Bestimmt kennt jeder von euch diese Paare. Diese Paare die einmal zusammen sind, dann wieder getrennt. Die Treffen für Treffen mit ihren Eskapaden überschatten, weil sie nicht Mal mehr in der Öffentlichkeit auf „heile Welt“ machen können. Oder jene, die einfach überhaupt nicht zusammenpassen, weil sie von verschiedenen Planeten kommen und sich weder sprachlich, noch emotional verstehen. Die Freunde, die immer nur unglücklich sind, aber darin scheinbar zu glücklich, um zu gehen.
Und so, wie die Beiden übereinander sprechen, würde man eigentlich meinen, sie reden von einer Person, die sie hassen. Doch es handelt sich um Liebe. Eine krankhafte Form der Liebe.
Beziehungsabhängigkeit kann man sich vorstellen, wie eine Sucht. Egal welche Sucht. Der Mechanismus ist derselbe.
Man braucht den anderen Menschen, ist ohne ihn nicht lebensfähig. Egal, was das Gegenüber tut, man kommt nicht los. Egal was man selbst tut, das Gegenüber kommt nicht los. Wobei das so zu einfach gesagt wäre: In einer Abhängigkeitsbeziehung gibt es nämlich fast immer einen Part, der mehr oder weniger den Ton angibt und sich mehr „erlauben“ kann. Der Gegenpart leidet dafür mehr als der andere.
Wie äußert sich eine solche Abhängigkeitsbeziehung?
- Schlechte Behandlung. Ein Part ist offensichtlich abhängiger vom anderen. Einer ist meist abwertend, verletzend und unnahbar und der andere spielt mit und fühlt sich als hilfloses Opfer. In Wahrheit ist der „stärkere“ Part auch abhängig. Denn er braucht jemanden, den er quälen kann.
- Emotionale Gewalt. Dies geschieht meist durch Manipulation, Unehrlichkeiten, Erpressung, subtile Gesten und nicht selten auch durch ausgesprochene Drohungen.
- Abhängigkeit. Egal, was die andere Person tut, man kommt nicht los. Würde das Gegenüber das Geschäft auf dem eigenen Kopf verrichten (bitte nur sinnbildlich verstehen), man würde sich nicht trennen. Es gibt also kaum Grenzen für unangebrachtes Verhalten.
- Seelischer Schmerz. Bei Trennungen erleben die Betroffenen oft einen nicht auszuhaltenden Schmerz, den sie nicht ertragen können und somit wieder zurück müssen.
- Fehlendes Eigenleben. Viele Abhängige haben sich nie ein eigenes, eigenständiges Leben aufgebaut. Sie brauchen immer jemanden, der sie emotional trägt. Jemanden, mit dem sie ihr (meist nicht vorhandenes) Leben teilen können.
- Trennungswunsch. Es besteht mindestens von einem Part ein beständiger Trennungswunsch. Dieser geht oft vom Unterdrückten aus, da dieser mehr eingeengt wird, als der Bestimmende. Dieser wird jedoch kaum vollzogen.
- Ersatz. Gleich wie bei Drogen, braucht die Person einen Partner. Ob das nun dieser oder ein anderer ist, ist eigentlich egal. Es geht nicht um die Person an sich und dass man sie liebt. Es geht einfach darum, nicht allein sein zu können. Wenn Ersatz gefunden wird, ist eine Trennung eher möglich.
- Verzweifelte Suche. Da man irgendwann merkt, dass man nichts gemeinsam hat, versucht man, sich irgendwas zu erschaffen. In vielen Fällen sind das Kinder. In der Hoffnung, dass diese die Leere füllen oder etwas an der krankhaften Situation heil machen.
- Ausflüchte. Hier tendieren Männer eher dazu, sich in Arbeit zu flüchten. Frauen nehmen oft den passiven Teil ein und warten, bis der Mann von seiner Flucht zurückkehrt. Wenn Frauen flüchten, dann fast immer mit einer Freundin, Kind oder einem Haustier. Sie können allein nicht leben.
- Aggression. Eine Abhängigkeitsbeziehung ist immer von sehr viel Aggression und Emotion geprägt. Hier geht es bei beiden Seiten nicht um Liebe, sondern um Verletzungen aus der Vergangenheit, Erwartungen und Enttäuschungen. Liebe ist vielmehr das Gegenteil all dessen.
Doch wie kann es sein, dass Menschen in einer Abhängigkeitsbeziehung bleiben, die sie ganz offensichtlich in den emotionalen und manchmal auch körperlichen und finanziellen Ruin treibt?
- Die Beziehung zu den Eltern: Es rührt auf jeden Fall Mal von einer gestörten Beziehung zu dem jeweiligen Elternteil. Hatte ich beispielsweise einen Tyrann als Vater, werde ich mich solange Tyrannen als Partner suchen, bis ich meine Verletzungen aus der Kindheit geheilt habe. Hatte ich als Mann z.B. eine dominante Mutter, werde ich mir ebenfalls Frauen suchen, die mich dominieren. Ebenso lange, bis ich dieses Muster durchbrochen habe.
- Erfahrungen der Vergangenheit: Wenn ich immer Beziehungen hatte, ihn denen ich schlecht behandelt wurde, dann werden mir viele Dinge, die gesunden Menschen auffallen, gar nicht mehr auffallen. Es fehlt ganz einfach der normale und gesunde Bezugsrahmen, den man nie hatte. Also gewöhnt man sich in einem gewissen Rahmen an die Behandlungsweise des Partners/der Partnerin.
- Unterdrückte Gefühle: Natürlich fühlt jeder Mensch, der nicht durch Drogen oder Alkohol betäubt ist, wenn sich etwas nicht mehr richtig anfühlt. Doch das Beachten der Gefühle würde bedeuten, dass man daraus Konsequenzen ziehen müsste: Nämlich die Beziehung beenden mit all seinen Bequemlichkeiten und lieb gewonnen Routinen (seinen sie auch noch so pathologisch).
- Verzerrte Wahrnehmung: Mit den Jahren stellt sich bei vielen unglücklichen Paaren eine objektiv betrachtet wahnsinnige Eigenschaft ein: Es wird alles schön geredet. Probleme, die Jahre zuerst unter den Teppich gekehrt wurden, existieren plötzlich nicht mehr. Und die 100 Eigenschaften, die einem am Partner nie gefallen haben, sind plötzlich „gar nicht mehr so schlimm“. Man hat sich darauf geeinigt, zusammen unter zu gehen. Nur nimmt man das jetzt nicht mehr wahr, weil man einen unausgesprochenen Pakt geschlossen hat.
- Angst vor dem Leben: Abhängige Menschen wissen nicht, was es heißt zu leben. Sie existieren anhand der anderen Personen. Sie wissen oft nichts mit sich selbst anzufangen und haben große Angst, vor dem Leben und davor, darin allein zu sein. Deshalb ist es wichtig, immer jemanden zu haben, mit dem man sich „teilen“ kann.
- Hoffnung auf Besserung: Es kann mitunter Jahre bis Jahrzehnte dauern, dass sich die Betroffenen Personen ernsthaft einreden können, dass sich der Partner ändern wird. Um 100 Prozent und dass dann die Beziehung harmonisch wird. Nicht beachtet werden hierbei die Tatsachen, dass sich Menschen ihn ihrem Wesen und in ihrem Grund niemals ändern werden. Außer sie wollen es. Doch ist es nicht Sinn einer Partnerschaft, dass sich jemand ändert.
- Gemeinsame Verpflichtungen: Oftmals stützt sich eine Abhängigkeitsbeziehung auf Kinder. Und viele gehen dann zu Ende, wenn die Kinder außer Haus sind. Weil dann nochmal nach Jahren klar und deutlich wird, dass man sich eigentlich eh nichts mehr zu sagen hat. Es gibt auch Häuser, Freunde, Arbeitsplätze und andere Investitionen, mit denen man sich binden kann, um der Abhängigkeit mehr Sinn zu verleihen.
Es ist schwierig bis unmöglich, als abhängiger Mensch aus dem Kreislauf auszubrechen. Außerdem ist es nur dann notwendig, wenn nicht nur die Menschen in der Beziehung an der krankhaften Form leiden, sondern auch das Leben an sich den Bach runtergeht. Dann ist es höchste Zeit sich einzugestehen, dass man etwas ändern muss. Und dann sollte man am Besten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Den Artikel möchte ich gerne mit einem Video und bezeichnenden Lied von einer meiner Lieblingsbands abschließen. Für mich stellt es klar diesen „Tanz der Abhängigkeit“ dar. Enjoy: You Don’t Know Love.
Grundsätzlich kann man sich immer die Frage stellen, ob eine Person seine Zeit Wert ist.
Liebe Grüße,
Eure Nicole
©Nicole Inez
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Diese Art Beziehung hätte ich nie führen wollen und habe stets darauf geachtet, dass mir das nicht passiert. Ich hatte das bei einer Freundin erlebt – schrecklich. 😢
Ich kann aus Erfahrung nur sagen, dass man wirklich dankbar sein kann, wenn man a) aus einer intakten Familie kommt oder b) stark genug ist, um mit seiner Vergangenheit zu brechen! Es ist wirklich schrecklich und man kann als Freundin nichts tun, als zuzusehen… 🙁
Ja, sie musste zwei Jahre Therapie machen, drei Klinilaufenthalte. Auch Co-Abhängigkeit spielte eine Rolle. Danke für den wieder lehrreichen Beitrag 😊.
Oh 🙁 Aber ich finde es super, dass sie was dagegen getan hat! Viele suhlen sich in ihrem Leid, oder erkennen es gar nicht. Ja, Co-Abhängigkeit ist da immer mit drinnen.
Danke und gerne, liebe Sylvia! 🙂
Für die GEMA-Geschädigten „Enjoy: You Don’t Know Love“:
https://youtu.be/gp9av7Whp_8
Vielen Dank für den Hinweis und den Link zu einer anderen Version!
Das ist ja echt voll schade, weil es eigentlich der Tanz ist, der diese Art von Beziehung so gut darstellt :-/ Hm.
Ich hab‘ noch ’ne Quelle gefunden und als neuen Kommentar verlinkt.
(Ex?)Co-Abhängige meldet sich gehorsam, 😀
Keine Sorge, es geht nicht um meine Ehe, immerhin. Ja, kenne ich. Bzw. erkenne mich in Einigem. In Vielem auch nicht, 😀
Ich will das jetzt hier nicht groß vertiefen, nur einfach mal ganz k*ckendreist auf einen Beitrag von mir verlinken (wenn Dir das zu aufdringlich ist, einfach löschen und ignorieren, aber es passt eifnach grad so gut und vielleicht interessiert es ja auch Dich als Fachfrau, liebe Nicole) und allen Betroffenen verkünden: Es erfordert viel Mut, den nötigen ersten Schritt zu machen. Aber es! ist! herrlich! 🙂
Hier also der Link: https://vonderuniandenherd.wordpress.com/2015/03/20/gift/
Hab den Beitrag gelesen und er passt wirklich sehr gut. Vor allem, weil er Die Interaktion gut darstellt!
Danke! Würde mich ja für weitere psychische Fiesheiten und/oder Krankheiten zur Verfügung stellen, aber … 😉
Witzig übrigens, dass Du Deinen Post mit einem Lied enden lässt; ich hatte schon bei der Überschrift einen Ohrwurm von „Love the way you lie“ 😀
Sei froh, dass du nichts anzubieten hast. Psychische Probleme sind wirklich nichts feines! Das Lied und vor allem der Tanz haben mich letztendlich zum Schreiben dieses Textes gebracht!
Ach Du, irgendwas hat doch jeder, oder?
…
Das Video kann ich leider nicht gucken, wegen der GEMA, so heißt es. 🙁
Nein, es gibt auch gesunde Menschen….
Oh nein, wie doof! 🙁
Für die GEMA-Geschädigten “Enjoy: You Don’t Know Love”:
https://vimeo.com/25165889
Cool, danke!
Hallo,
ich interessiere mich sehr für dieses Thema und wollte kurz Danke sagen für diesen guten Artikel, es ist super verständlich dargestellt!! Kommt rüber, was es ist und sich äußert, mir sind schon einige Menschen im Leben begegnet, für die es schwierig war da raus zu kommen. Als Abhängiger Mensch ist es gut, (wenn man es dann merkt und weiß, dass man abhängig ist), dann den Kontakt zu dem anderen Part abzubrechen, so hart es auch ist. Sonst kommt man kaum los. Das ist wie eine Entziehungskur, durch die man durch muss, da sollte man auch nicht mit Drogen konfrontiert werden. Zu widerstehen obwohl man es vor der Nase hat, bedarf enormer Stärke.
Es lohnt sich aber, auch wenn das abhängige Leben gewisse Motive befriedigen wird, die aber nicht glücklich machen. Eben halt einen runterziehen bzw. beide. Raus da!!
Ich wünsche allen ein freies und unabhängiges, selbstbestimmtes Leben und die Kraft und den Mut dazu, es zu leben.
Ich finde deinen Blog super 😉
Gruß, Claudia
Hallo Claudia,
Danke für deinen Kommentar 🙂 Ich stimme dir vollkommen zu, bei dem was du sagst…. Es lohnt sich auf jeden Fall, da auszubrechen!
Vielen Dank, das freut mich sehr!!! 😀
Liebe Grüße,
Nicole
es waren die schlimmsten 6 Jahre meines Lebens, habe fast alle Freunde verloren.Nieeee wieder
Auch wenn solche Erfahrungen sehr leidvoll ist: Man lernt daraus und muss da nicht nochmal durch 😉
hi,
in genau dieser situation befinde ich mich, nun seit drei jahren.
wir sehen es, erkennen es und sind nicht in der lage, uns endgültig zu trennen, denn, es verbindet uns auch so viel. niemals hätte ich gedacht, mal in meinem leben an so einem punkt zu stehen und dass unsere beziehung, die immer etwas besonderes war, sich so entwickeln würde.
ein alptraum!!!!!!!!!!!
Oje, dann hoffe ich, dass ihr eine Lösung findet!
Hallo Nicole,
vielen Dank für diesen guten Text. Du hast mir damit sehr geholfen, denn ich habe selbst zwei Jahre in einer schwulen Abhängigkeitsbeziehung gesteckt. Dein Text hat mir vieles klar gemacht, verdeutlicht und endlich kann ich die Konsequenzen aus meiner Sucht – es ist eine Sucht mit all ihren negativen Folgen – ziehen. Danke!
Ludger
Hallo Ludger,
Dankeschön für dein positives Feedback! Es freut mich wirklich sehr, dass ich dir wo sehr helfen konnte mit meinem Text.
Dass du dich gelöst hast, war ein tapferer und sicher auch notwendiger Schritt! Wünsche dir Alles Liebe mit und in deiner neu gewonnen Freiheit.
Liebe Grüße,
Nicole
[…] Beobachtungen zufolge existieren viele Beziehungen aus Gewohnheit heraus, oder aus Abhängigkeit. Man kann sich ja rundherum betrügen, anstatt sich einzugestehen, dass es einfach nicht der […]